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Weltverstehen, zertifiziert

Verstehen Sie die Welt noch, kennen Sie sich aus? Sind Sie einer von den zertifizierten Gegenwartsverstehern?, ich bewundere das sehr und darf gleich eine Bitte anschließen, helfen Sie mir bitte beim Verstehen, Ihre Qualifikation muss doch für irgend etwas gut sein. Wofür sonst hätten Sie Ihr Netzwerk, den subkutanen Panzer, immer ein wenig unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, wie praktisch, wenn Sie nicht was Zukunftsträchtiges damit anfangen könnten? Gehen Sie nun eigentlich schwanger mit der Zukunft oder schwängern Sie die eher, wie darf man sich das vorstellen?

Egal, in jedem Fall trägt die Biologie den Sieg davon, wie üblich, davon können wir ausgehen, die sitzt am längeren Ast. Das Gerede vom Krieg schwirrt derweil drohnengleich um die Köpfe, das Schwirren dröhnt in der Luft, die fahnenproduzierende Industrie kommt gar nicht mehr nach und beklagt sich freudig, das wird ein lustiger Waffengang, der diesmal nicht in den Sand gesetzt werden wird, sicher nicht, wir werden uns schon irgendwie auf Kriegsziele verständigen und einen sauberen Frontverlauf, den vor allem, wer jetzt gegen wen und für oder gegen was und ob der Freund meines Feindes nun doch mein Freund ist und/oder umgekehrt oder wie jetzt, wir sind doch nicht im Kindergarten. Das ist ein freier Kriegsmarkt, und die Exportwirtschaft will auch leben, das ist ihr legitimes Interesse, vor allem will sie wachsen, das ist noch viel legitimer. Der Wachstumswille ist noch viel fruchtbringender als das bloße Lebenwollen, wir exportieren Waffen und importieren Arbeitskräfte, die kann die expandierende Exportsparte gut gebrauchen, was für ein sinnstiftender Kreislauf! Wir hätten uns das nicht besser ausdenken können, ehrlich gesagt. Da ist es wieder, das WIR, sehr paternalistisch, schon wieder, was heißt schon wieder? Sich steigernd, nicht mehr nur ansetzend, ausführend, diesmal ist es ein ernstzunehmendes Wir, ein ernsthaftes Wirtschaftswir, man kennt das ja. Kein nichtsagendes Ich-und-du-Müllers-Kuh-Wir meldet sich, das so privat in der Gegend herum steht. Geht’s der Wirtschaft gut, dann auch uns allen, uns allen bleibt dann gar nichts mehr anderes übrig.

veröffentlicht im Literaturhaus Graz