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Cityfestwochen Wien 2009

Texte auf LED-Walls
01.04.2009

(abwechselnd von Eva Menasse, Franzobel, Olga Flor)

Olga Flor

1
Wien kann nicht Chicago werden. Wien hat keinen See und keine breiten, weiten Straßen mit unabsehbarem Ende. Keine Hochhäuser und keinen Grant Park, in dem die Massen sich versammeln, um einen Politiker als einen der ihren zu feiern, dessen Vater Afrikaner war. Wien ist ja schließlich nicht Chicago.

2
“I screwed up”. Oder wenigstens: Das haben wir vergeigt. Sowas sagt man hier eher nicht, um einen Fehler zuzugeben. Wien ist ja schließlich nicht Chicago. Nicht dass hier nichts vergeigt würde. Die Geige ist hier sehr beliebt. Das freimütige Übernehmen von Verantwortung nicht ganz so sehr.

3
Obwohl man jetzt auf einmal von einem „Austrobama“ munkeln hört. Was es nicht alles gibt. Schon sprachlich ist die rasche Eingemeindung wohl verunglückt. So auf die Schnelle. Ob sich das ausgeht? Chicago als ein Vorort Wiens?

4
Dafür haben wir hier: Mohrenköpfe, Negerküsse, Mohren mit und ohne Hemd. Das ist jetzt gar nicht bös gemeint. Eher ganz süß. Das war schon immer so bei uns. Ein bisschen Spaß wird man noch haben dürfen. So lang die Schokoladenfarbe halt was hergibt. Nicht nur im Fasching.

5
Wir meinen das nicht böse.
Wir meinen überhaupt nie irgendwas böse. Schauen Sie sich nur um. Können diese Stadtansichten lügen? Die Fenster und die Pflastersteine? So schön sauber alles hier. Wie abgeschleckt.

6
Im Zentrum heißt: Das Herz ist hier.
Die Leber dort. Das Hirn ist, nun ja, wo auch immer. Die Niere wandert. Ein unstetes Organ. Die Wanderlust hat dieses Nierentier schon angetrieben, da hat man gar nichts noch von seiner Hinterlist gewusst.

7
Herzkranzgefäße sollten wohl zentral sein.
Stattdessen wird der Solarplexus als Zentrum des Organsystems betrachtet.
Da kreisen Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse drum herum. Der Niere hat man den planetaren Status nach langen Diskussionen leider aberkannt. Und sie bewegt sich doch!
8
zu Franzobel:
Vor allem sieht einem niemand ins Auge. In einer echten Metropole ist der unmittelbare Blickkontakt unbedingt zu vermeiden. Würde er doch Anlass zum Hängenbleiben geben, zur Blickkontaktaufnahme, und die ließe die Betreffenden ein für allemal und unwiederbringlich aus dem metropolitanen Anonymitätskonstrukt herausfallen. Wer will sich das schon antun?
8b
Mehr noch und ganz umgekehrt: der Blickkontakt hat was Entspanntes an sich, das nur in Städten nichtmetropolitanen Charakters gedeiht. Schauen sie sich nur um: das ist eine der hiesigen Qualitäten, das ganz spontane Blickbekanntschaftschließen. Ganz ohne Schmäh jetzt. Doch nur nicht zu nah rankommen:

9
Wenn man die Handflächen ableckt, schmeckt es süß und salzig und scharf, doch die Schärfe hat nichts vom angenehmen Glühen einer Chili-Schote, sie ist hinterhältig und entwickelt sich erst allmählich, um dann hartnäckig den Rachenraum mit dem feuchten Brennen reinen Drecks zu füllen, das an Scham erinnert.

10
Nur: Wozu sollte man Handflächen ablecken? Selbst der Handkuss wird am Handrücken praktiziert, und Handrücken wissen von nichts, das der Handfläche zu nahe gekommen wäre. Nicht genug damit, dass die Linke nicht weiß, was die Rechte tut, hat auch die Handaußenseite (und nicht nur die linke) keinen rechten Bezug mehr zum Tätigkeitsfeld der Handinnenseite.

11
Da könnte man die Zukunft lesen aus dieser freischwebenden Handinnenseite. Oder die Marktwertentwicklung von Ratingagenturen? Auch Heilsteine könnte man an den Handinnenflächen reiben, und aus dem Schweißrand dann – warum nicht? das Klinkenputzen fordert auch andernorts Tribut – den EURIBOR bestimmen.

12
Was macht’s noch groß für einen Unterschied? Der morgige Marktwert der heutigen Kursinformationen ist mit Sicherheit in jedem Fall bei Null angesiedelt. Was interessiert denn den gemeinen Amethysten (oder Analysten? da kommt was durcheinander) schließlich sein Geschwitz – ä – Geschwätz von gestern?

13
Unter der Brücke machte sich das Überschwemmungsgebiet breit. Eines Nachts stürzte die Brücke ein, einfach so, und nahm ein Auto mit und dessen Insassen. Lange dachte ich über den Begriff nach, ich war acht Jahre alt und hielt das Wort „Insassen“ für eine Herkunftsbezeichnung, so wie Ausländer zum Beispiel.

14
Die Brücke, die Reichsbrücke hieß, wobei mir unklar war, an welches Reich sie erinnern sollte, nahm also die Insassen mit sich, holte sie heim in die in dieser Nacht besonders wasserreiche Donau.

15
Eines Abends fuhren wir darüber, in einem kleinen grünen Auto, und als wir am nächsten Tag wiederkamen, war sie eingestürzt, trug sie nicht mehr, war nicht mehr an ihrem angestammten Platz. Ganz überraschend lag die Brücke in Stücken im Überschwemmungsgebiet.

16
Wo doch die Pfeiler immer so standfest gewesen waren und sich unbeirrt und breitbrüstig ins Schwemmland gestemmt hatten; ich konnte es nicht glauben, dass die Brücke nicht mehr stand. Die Insassen schwebten mittlerweile ungerührt in ihrem luftgefüllten Innenraum dem schwarzen Meer entgegen.

17
Die Donau trieb die Insassen sanft außer Landes, und dass die Donau ins schwarze Meer führte, war mir zu diesem Zeitpunkt bereits klar. Nein, sagte man mir, jetzt sind es keine Insassen mehr, das Wort beschreibt keine Herkunft, nur einen Zustand.

19
Das schwarze Meer stellte ich mir dunkel vor, groß, lockend und weit weg, unergründlich und trüb. Der Verlockung haftete etwas Schlammiges an. Im Meer sind Inseln, dachte ich, schwimmende Inseln vielleicht, und dort finden sich die, die einmal Insassen waren, nun gänzlich unbezeichnet wieder.

20
Abschieben tut nicht weh.
Geht alles durchwegs zivilisiert und geordnet vor sich. Und was am Schluss herauskommt, was also im Zielland des Abschiebevorgangs mit dem hierorts liebevoll Schübling genannten Objekt desselben passiert, das hat mit uns nichts zu tun.

21
Da dürfen Sie uns nicht fragen. Dafür sind wir nicht die richtigen Ansprechpersonen. Und Rehleinaugen und Ministerinnen gehen nicht zusammen, müssen Sie wissen. Rehleinaugen: Klingt schon so nett. Fast so wie: Abschieben. Und wer den Schaden hat, hat auch den Spott.