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Kernöleis

Unterm Strich
Berliner Zeitung, Printausgabe
28.08.2015
Nicht nur, dass es in Kreuzberg ganze Schaufenster voller volkstümelnder Lederhosen gibt, immerhin in unvolkstümlichen Farben und vermutlich nichtalpiner Provenienz, da wollen Mutter und Tochter in aller Unschuld Eis essen, und was bietet die begeisterte Verkäuferin ihnen an: Kernöleis. Sie dürfen gerne mal probieren, sagt sie, als sie die entgeisterten Blicke registriert, danke, sagen Mutter und Tochter unisono, kommen sie doch genau aus dem Herkunftsland des Kernöls, der südlichen Steiermark. So erklärt sich ein gewisser Überdruss am originellen Einsatz der grünbräunlichen Substanz, die im Herbst aus den Kernen der auf den Feldern aufgebrochenen und zum Verrotten dort liegen gelassenen Kürbisse gewonnen wird. Die Tourismusindustrie flutet nah – und wie man sieht auch fern – längst mit allen Varianten der gemahlenen, gepressten, vergorenen oder ansonsten auf raffinierte Weise gewonnenen Kürbiskernerzeugnisse (für den Umstand, dass auch bretonische Orte auf den Namen KER NOEL hören können, ist sie nicht verantwortlich zu machen). Grund für die Veredelungswut ist nicht zuletzt, dass das Kürbisfleisch des Kernölkürbisses, anders als das von Muskat-, Hokkaido-, Flaschen-, Butternuss- und sonstiger Kürbisarten, überraschend fad schmeckt.
Zuallererst und hauptsächlich zu nennen ist die Verarbeitung zu Kürbiskernpanade. Da es eigentlich wenig gibt, was nicht in bröseligen Substanzen gewälzt, bis zum geschmacklichen Tode frittiert und als Schnitzel verkauft werden könnte, ist ein Ende dieses Trends nicht abzusehen; man betrachte nur die Kulinarik böhmischer Dörfer ein wenig südlich des Kreuzberger Lederhosengürtels, da fühlt sich die Exilösterreicherin richtig zu Hause, nicht nur wegen der an Grinzing gemahnenden Farbkombination von in Habsburgergelb getünchten Hauswänden und tannengrünen Fensterläden. Nein, da gibt es fahrradradgroße und ebenso runde Schnitzel, deren Dimensionierung allerdings von den wagenradgroßen Pizzen nebenan getoppt wird, man sieht Menschen vor dreiviertelvollen Tellern in den Gastgärten, die, auf österreichisch gesagt, w.o. geben, die esstechnischen Waffen strecken und das Besteck resignierend am Tellerrand ablegen. Auf welche Weise (und unter Zuhilfenahme welcher tierischen Ausgangsexistenz) sich ein kreisrundes Schnitzel anatomisch gesehen rechtfertigen ließe, wird auf dem Speisekartenaushang nicht erläutert (ein Querschnitt durch überdimensionierte Aale, Bandwürmer oder sonstiges walzenförmiges Weichgetier?). Egal, es ist frittiert, das ist die Hauptsache.
In diesem böhmischen Dorf wird das Posting übrigens noch auf ganz analoge Art praktiziert: Auf einem straßenseitig gelegenen Balkon sind zur geschätzten Kenntnisnahme durch das p.t. Publikum Zeichnungen angebracht, die die angebliche Stellung des Mannes in der Ehe (ein am Boden liegendes Strichmännchen, das einer mithilfe einiger übertriebener Attribute als weiblich gekennzeichneten Figur devot einen Geldschein emporreicht), die behauptete Unfähigkeit von Frauen, mit technischem Gerät umzugehen und Ähnliches zum Inhalt haben: eine buchstäblich personalisierte Form des ganz realen Postings in der ganz realen Welt. Die Bühne, die das Forum für den Kontakt zur Außenwelt bedeutet, was noch dazu den Vorteil hat, dass sich das öffentliche Kommentieren, das in online-Foren durchaus ausufern kann, eher schwierig gestalten dürfte. Oder sollte es sich um die implizite Aufforderung handeln, mit einem handgemalten Antwortplakat unterm Arm anzuläuten und um Aushang zu bitten?
Da ist es vermutlich einfacher, sich schlaraffenartig den Weg durch eine der Riesenpizzen zu erkämpfen. Die Wagenradgröße erscheint jedenfalls passend, lassen die Höfe der dörflichen Häuser doch durchaus an Wagenräder denken: Werkstatthöfe mit wagenhohen Werkstatteinfahrten, die eine, ja, ländliche Atmosphäre zu konservieren scheinen, auch wenn dort heute eher höchst urbane Schankbetriebe hausen, was sonst. Und womöglich Kürbiskernölbecher anbieten, oder vielleicht doch Currywurstsauceneis?