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Spektralanalyse

die Presse
02.07.2007

Spektralanalyse in Absorption und Emission: Man schluckt was, nimmt was raus, gibt was ab: Durchsatz? Was setzt sich durch? Setzt sich erkenntnistechnisch? Nicht erkenntnistheoretisch, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Was ist der Satzbaubodensatz?

Was aufgenommen wird, lässt Rückschlüsse zu. Aber keine Leerstelle im Spectrum. Man kann ja nichts weglesen. Das Einweglesen ist auf dem Papier noch schwierig. Wär doch was. Sparte man sich das dauernde mühsame Heranschaffen und Entsorgen des Leseträgermaterials. Löschte man das Papier in einem Augenblick, und könnte ihm dann beim Sich-selbst-verjüngen zusehen jeden Morgen. Reißt sich das Papier in Fetzen, schneidet sich in Stücke und wirft sich heldenhaft und ohne Rücksicht, nein, in der janusköpfigen Hoffnung auf Gesichtsverluste in den Jungbrunnenkessel, den Informationsquelltopf, um daraus neu zu entstehen wie Phönix aus Papiermüll. Aber so ist es nicht: Was gelesen wurde, lässt sich wieder lesen und wieder und wieder und wieder. Auch wenn der Durchsatz hundert Prozent ausmacht, wenn also alles beim linken Ohr wieder herauskommt, was beim rechten hineingegangen ist, ist das Endresultat unauffällig und nicht vom Absorptionsspektrum eines aufmerksamen Gehirns zu unterscheiden. Keine blinden Flecken im Text. Keine Leerstellen, deren vordergründiges Schriftbild gierigen Buchstabenabstaubsaugern in den Schlund gewandert ist, um dort dem Lesestoffwechsel zugeführt zu werden. Bis aufs Gekröse.

Die Informationsaufnahme führt nämlich auch zu Auslassungen. Idealerweise zeitversetzt (Verweildauer zum Beispiel auf virtuellen Zwischenzuständen, in Nachdenkpausen sozusagen, intellektuellen Auszeiten). Dann Aussetzung von Sätzen durchsetzt mit Durchsatz. Das Abgesonderte lässt sich nämlich auch analysieren. Die Analyse des abgesondert Emittierten lässt ebenfalls Rückschlüsse zu, Abhandlungen, Bücher könnte man über die Auslassungen schreiben. Die wiederum können absorbiert, emittiert (Fenster), in ihre Bestandteile zerlegt und analysiert werden, dass es eine helle, um nicht zu sagen blendendweiße  Freude ist. Und das Weiße im Auge ist nichts als eine Mischung sämtlicher Farben des sichtbaren Spektrums: gut getarntes Bunt. Fast schon zu gut.