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Wir wählen Weltmeister.

der Standard
22.09.2006

Das war ja überhaupt das interessanteste Plakat in der gesamten Vorwahlzeit: Der Kanzler als globaler Fußballfan im Zeichen des weltweit agierenden Fastfoodkonzerns, wobei die Aufschrift seinen Fanschals, Österreich isst Weltmeister, durchaus bedrohlich klingt, zumindest für Weltmeister.

Da hat die Tourismusbranche aber noch einmal Glück gehabt, dass Deutschland die WM nicht gewonnen hat; der sommerliche Alpintourismus hätte womöglich schweren Schaden genommen: Scharen von urlaubswilligen Deutschen wären im Staubereich österreichischer Landstraßen immer wieder im unübersehbaren Großformat vor handfeste Fleischlaberltatsachen gestellt worden und hätten nach dem ersten Schreckkilometer und dem schritttempoweisen Realisieren, dass der Begriff auch sie selbst, und nicht nur die Angehörigen der siegreichen Mannschaft umfassen könnte (da solche feinen Unterscheidungen im Rahmen des allgemeinen WM-Taumels oder auch von Papst-Wahlen eher verschwimmen und einem wohligen nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl Platz machen, wenigstens hier), panikartig zu Wendemanövern angesetzt, um zurück hinter die Grenze zu entfliehen, wo sie sich keinerlei derart eindeutigen fleischlichen Begehrlichkeiten ausgesetzt gesehen hätten; ein paar Waghalsige wären vielleicht aufs Gas gestiegen (die 160er-Teststrecke wäre ihnen da vermutlich entgegen gekommen, doch in Angst um Leib und Leben sind einem Geschwindigkeitsbeschränkungen naturgemäß ohnehin eher wurscht), um die neuerdings so einverleibungswütigen Landstriche in Richtung eines sicheren südlichen Drittstaates zu verlassen. Aber zum Glück für sie und uns ist der Weltmeisterschaftskelch an den Deutschen für diesmal bekanntermaßen vorbeigegangen. Und bis zur Hauptreisezeit der italienischen Touristen, Ferragosto, die ja seit einiger Zeit schon urlaubsmäßig zurückschlagen, waren die Plakate interessanterweise spurlos verschwunden.

Die Motivation für die Feststellung (oder Absichtserklärung?) Österreich isst Weltmeister sollte jedenfalls noch eingehender untersucht werden: Ist es die endgültige Einsicht in die Hoffnungslosigkeit des Versuchs, Österreichs Fußball auf herkömmlichem Weg zu einigermaßen weltmeisterlichen Gefühlen zu verhelfen? Hat das österreichische Team der Fußballexperten zu einer archaischen Form des Dopings für die ihm anvertrauten Spieler greifen wollen, nämlich der, sich die Kraft und die Stärke eines Gegners durch Verzehr seines Körpers einzuverleiben? Und ist man dabei auf die besonders raffinierte Idee verfallen, nicht jeden x-beliebigen dahergelaufenen siegreichen Gegner zu verwenden, denn da könnte ja jeder kommen, sondern aufs Ganze zu gehen und abzuwarten, was denn die allersiegreichste Mannschaft werden würde, man will sich schließlich nicht mit irgendwelchen Viertelfinalisten begnügen, man ist, was man isst, und essen soll man was Gescheites, also eben nicht geringeres als die WELTMEISTER, und die dann nach vollbrachtem Finalsieg in eine sorgfältig präparierte Falle zu locken, zum Beispiel im Form einer Einladung zu einem Wellnesswochenende in irgendein abgelegenes lauschiges Thermenresort, wo es nicht weiter auffällt, wenn der eine oder andere besonders kraftvolle Sportler den Tücken der Sauna nicht mehr gewachsen ist oder über dem Gesundheitsteller kollabiert. War das der Plan? Um dann darauf zu vertrauen, dass schon niemand den Inhalt der rückgeführten Särge überprüfen wird, sodass das wertvolle Sportlermaterial in der Zwischenzeit längst einem höheren Verwendungszweck zugeführt werden konnte?

Aber auch vom strategischen Ansatz her verdient das Plakat noch eine eingehende Betrachtung, handelt es sich doch um nichts geringeres als ein modellhaftes und kühnes neues Werbekonzept, das Spindoktorinnen und –doktoren vermutlich vor Freude rotieren lässt: Outsourcing der Wahlwerbung!

Endlich Schluss mit lästigen Botschaften, verkrampften Versuchen, die Existenz zukunftsträchtiger Inhalte zu behaupten und ähnlichen abgeschmackten Dingen, die nun wirklich niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken; statt dessen Reduktion auf das Wesentliche: Platzierung der wichtigsten Konterfeis im öffentlichen Raum, und das auf Kosten privater Firmen, ganz im Sinn auch der Entlastung des Staatsbudgets, des Steuerzahlers, wie es so schön heißt, denn nichts ist wichtiger als das Wohl des Steuerzahlers, und das ist offenkundig ein rein finanzielles. Kann man sich ein schlüssigeres, mehr in Einklang mit den Spielregeln der frei flottierenden globalen Geldströme stehendes Werbekonzept vorstellen? Schwerlich, und deshalb ist es auch verwunderlich, dass nicht schon früher damit begonnen wurde.

Und was das für die Parteienfinanzierung bedeutet, ist gar nicht auszudenken; endlich die Sauberkeit und Transparenz, die wir immer schon haben wollten: die Werbebudgets der Parteien können ersatzlos gestrichen werden. Politiker und Politikerinnen lassen sich nicht mehr in staatstragender Pose ablichten, (diese Pose ist interessanterweise auf die andere Seite gerutscht, nämlich die der Firmenwerbungen), sondern beim Verzehr von Hamburgern, beim kraftvollen Zubeißen dank der neuesten Haftcreme oder, warum nicht gleich, beim Einkaufen, beim Auswählen der allerneuesten und auf ihre Bedürfnisse so offenkundig maßgeschneiderten Artikel, da hätten sie zudem auch noch eine wertvolle Vorbildfunktion, denn geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut, das wissen wir, da tragen wir gern unser Scherflein bei, aber an leuchtenden Beispielen kann es nie genug geben. Sogar der Papst ziert schließlich schon Bierflaschen.

Nicht dass wir nicht ohnehin schon weltmeisterlich einkaufen könnten, nicht dass wir nicht ständig unsere konsumatorischen Fähigkeiten durch regelmäßiges Training in einer vorbildlich lebensbegleitenden Lernanstrengung verfeinern würden, da geben wir unser Bestes, und das mit Erfolg; so sind wir wenigstens im Auswählen WELTMEISTER, ob das jetzt irgendwelche Parteien für irgendein Parlament betrifft oder die richtige Kombination von Speisen und Getränken für das aktuelle Wochenmenü, wobei zweiteres bei weitem schwieriger zu bewerkstelligen ist, da gibt es nationale Ausscheidungen im Schlangestehen, finale Sonderprüfungen im Platzieren der Bestellung aus der dritten Reihe nach absolvierten Vorrunden im Vordrängeln, das haben wir vermutlich (das wir-Gefühl ist auch schon ganz belebt und wittert Morgenluft), zu solcher Meisterschaft entwickelt; das muss es gewesen sein, was uns den Titel eingetragen hat, wo wir beim Papst schon derart durch die Finger schauen haben müssen. Sollte die Idee des weltmeisterlichen Plakats also Schule machen, würde das nun allerdings fast schon zwangsläufig das Bild bestimmter politischer Parteien mit dem Namen bestimmter Marken in Verbindung bringen. Und so könnte man eigentlich noch einen Schritt weitergehen, und das Wählen und das Auswählen, in politischer wie in kommerzieller Hinsicht gleich zusammenführen: Statt Parlamentswahlen abzuhalten, müsste man nur mehr die aktuellen Verkaufszahlen der mit den Parteien verbundenen Marken abfragen, und je nach Umsatzzahlen Abgeordnete ins Parlament entsenden; das würde – nebenbei bemerkt – den staats-, doch wer wird so kleinlich denken, nein: den weltbürgerlichen Pflichtcharakter des Auswählens und Einkaufens glasklar vor Augen führen. Freilich wären noch Details zu klären für dieses permanente Plebiszit, diese direkteste Form der Demokratie, etwa welcher Zeitraum für die Berechnung des Stimmverhaltens herangezogen würde, wie oft ein instantanes Anpassen der endlich flexibilisierten Volksvertretung an den aktuellen Wählerwillen erforderlich wäre, in welcher Weise man die Zahl der Markenprodukte pro wahlwerbender Fraktion begrenzen müsste, und so weiter, doch im Grunde sind das Kleinigkeiten, peanuts, wenn man sich die Stringenz und Schönheit der Grundidee vor Augen hält: Was für eine wundervoll konsequente und harmonische Verschmelzung zu einer weltmeisterlich demokratischen EINKAUFSNATION könnte uns da blühen! Blühende Landschaften, ach nein, das war ja die anderen, die verhinderten Weltmeister, jedenfalls, die Worte fehlen, nein, es ist nicht auszudenken… Wie auch immer, es trifft sich gut, dass die Vorwahlzeit wieder einmal nahtlos in die Vorweihnachtszeit übergeht.