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zu Veza Canetti

die Presse
26.11.2014

Es ist überaus erfreulich, dass mit der Einrichtung des Veza-Canetti-Preises eine Schriftstellerin gewürdigt wird, die hellsichtig, sprachlich treffsicher, stets politisch, dabei mit Witz und Leichthändigkeit ihre Eindrücke von der Welt und deren Abgründen zu formal eigenwilligen Texten verdichtete, durchaus mit Hang zur satirischen Zuspitzung und grotesken Verknappung; die Auseinandersetzung mit ihrem Werk war ein persönlicher Gewinn für mich. Hinzufügen möchte ich, dass weder die Wiederentdeckung ihrer Romane und Theaterarbeiten in den 1990er Jahren noch die Benennung eines Preises nach der vor mehr als fünfzig Jahren verstorbenen Veza Canetti überstürzt erfolgte.

Ja, es ist wichtig, Veza Canetti und ihre literarische Arbeit wieder mehr in den Focus zu rücken, aus Elias Canettis Schatten hervorzuholen, in den sie nach und nach getreten ist, insbesondere seit der erzwungenen Emigration nach Großbritannien im Jahr 1938. Die Vorbereitungen für diese Flucht beschrieb sie in ihrem Roman „Die Schildkröten“ sehr plastisch: das Bangen der jüdischen Bevölkerung um Visa und Ausreisemöglichkeiten, die Lähmung angesichts der Übergriffe durch Uniformierte und ganz normale Mitmenschen, die sich bis zu den Novemberpogromen steigerten, den Aufstieg der Kriegsgewinnler und Marketenderinnen, die Verdrehung und dämonische Aufladung der Sprache, die Furcht vor „jede(m) Läuten, jede(r) Begegnung, jede(m) geflüsterte(n) Wort“[1], aber auch das Nicht-Glauben-Wollen des Ungeheuerlichen, die Angst vor der Entwurzelung, die um die finanzielle Existenz, die berufliche Zukunft, kurz: die Angst, die das Denken von allen Seiten umstellt. Besonders deutlich scheint mir auch die Verschränkung von Körperlichkeit und Machtstrukturen hervorzutreten, der Niederschlag sich rasant steigernder Bedrohung in der buchstäblichen Marginalisierung, der Ausdünnung der Menschen, die „die Nägel sich selbst ins eigene Fleisch“[2] bohren, der Reduktion des verfügbaren Raumes von der Wohnung über ein Bett bis zu dem Bereich des Bodens, den ein Körper, selbst ein ausgezehrter, beansprucht, die Zerschlagung jeder Form von Schutz vor der und durch die Außenwelt, die mörderisch ist. Selbst der Panzer der titelgebenden Schildkröte wird in einem eindrücklichen Bild zerschmettert.

Veza Canetti hat sich übrigens zeitlebens geweigert, nach Wien zurück zu kehren, sie bemerkte nach dem Krieg sarkastisch, die Nazis hätten nun wohl alle „jüdische Pässe“[3], was die hiesige Unkultur des Herumlavierens und des Nichteingestehens von Schuld und insbesondere des damit Davonkommens wohl treffend benennt. Sie schrieb aber auch: „Ich kann nicht nach Wien, …, mein Herz ist schon einmal gebrochen, wie ich weg musste, noch einmal hält es das nicht aus.“[4]

Zentral ist das Einbrechen des Äußeren in die körperlicher Existenz des Individuums schon in den sehr unterschiedlichen Kapiteln der „Gelben Straße“, die durch ebendiese formal verbunden werden, und in der „Krüppel, Mondsüchtige, Verrückte, Verzweifelte und Satte“ wohnen[5]. Der Roman ist im Wien der Zwischenkriegszeit angesiedelt und thematisiert auf lakonische Weise, fast wie nebenbei, die Machtausübung mittels Hungers, handgreiflicher und sexueller Gewalt, lässt gesellschaftliche sich in innerfamiliären Strukturen widerspiegeln, rückwirken und einander bedingen, über den weiblichen oder kindlichen Körper, der so zum Austragungsort der Macht, zum Schlachtfeld wird, manchmal im eigentlichen Wortsinn. Zentral ist das Thema unbarmherziger hierarchischer Gefälle, die Abhängigkeit der arbeitssuchenden jungen Frauen von Vermittlerin und Dienstherren oder die Institution der Ehe, die für die Frau zum Gefängnis wird. Tatsächlich war ja die Ausübung des „häuslichen Züchtigungsrechts“ des Mannes gegenüber Ehefrau und Kindern kein Scheidungsgrund oder gar strafbar, sofern sie „animo corrigendi“[6] geschähe, und das war der Natur der Formulierung gemäß Interpretationssache. Reichte auch dann nicht zur Scheidung, wenn es danach zu „Intimitäten“[7] käme, wie etwa im Fall der von Veza Canetti geschilderten, nicht beschriebenen, vielmehr trocken ausgesparten Vergewaltigung, was den Schrecken noch abgründiger macht. Obwohl Karl Kraus schon 1901 in einem Kommentar zur „Züchtigung … als … Ausdruck der Liebe“ schrieb, dass der „pater familias“[8] nicht mehr zeitgemäß wäre, ist das ein Begriff, den meine im zweiten Weltkrieg im zweiten Bezirk geborene Mutter noch munter in den 1970er Jahren verwendete, im Scherz, versteht sich. Tatsächlich wurde das Züchtigungsrecht gegenüber Kindern in Österreich erst 1989 völlig abgeschafft.

Ich bin mit Elias Canettis Werken aufgewachsen, zunächst allerdings nur mit den eindrucksvollen Buchrücken im Bücherschrank. Allein die Körperreferenzen der Titel faszinierten mich; was eine „gerettete Zunge“ sein sollte, verwunderte mich schon früh, die „Fackel im Ohr“ gab mir erst recht Rätsel auf, ich stellte mir ein fernes kleines Licht in den Gehörgängen vor, zumindest, bis ich das Buch gelesen hatte. „Masse und Macht“ hat mich ebenso wie Machiavellis „Fürst“, die Theweleitschen „Männerfantasien“, Jelineks „Klavierspielerin“ und „Kinder der Toten“ besonders in der Zeit der Arbeit an meinem ersten Roman „Erlkönig“ beschäftigt, doch vielleicht ist das ohnehin ein wenig zu offensichtlich. Im übrigen erhebt diese Aufzählung keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, ich nenne nur die Titel, mit denen die Auseinandersetzung besonders intensiv war.

Die Verortung von Macht, von politischer und vor allem wirtschaftlicher und, wie das gegenwärtig immer klarer wird, besonders von Informations- und Interpretationsmacht, die Frage, wie sich Herrschaftsansprüche und Machtgefälle in Körper, Denken, aber auch Architektur, Stadt und Landschaft einschreiben, werden wohl immer zentrale Themen für mich sein. Erst spät habe ich begriffen, dass Veza Canettis Werk mindestens ebenso wie das ihres Mannes um diese Themen kreist. In Vorbereitung der Rede bin ich zu meiner großen Überraschung auf ein Zitat Elias Canettis zu „Masse und Macht“ gestoßen, in dem er schrieb: „Ihr geistiger Anteil daran ist ebenso groß wie meiner. Es gibt keine Silbe darin, die wir nicht zusammen bedacht und besprochen haben.“ [9] So habe ich also offenbar schon Veza Canetti gelesen, bevor ich es wusste.

Ich bedanke mich nochmals für die Auszeichnung.

[1] Veza Canetti, Die Schildkröten, Carl Hanser Verlag 1999, S.55

[2] ebenda, S.64

[3] Wikipedia, Veza Canetti

[4] Brief an Viktor Suchy vom 2.(5.) März 1963, zitiert nach: Text und Kritik 156, Veza Canetti, X/02

[5] Veza Canetti, Die Gelbe Straße, Carl Hanser Verlag 1989. S.71.

[6] Zitiert nach: Ritchie Robinson, „Zu Veza Canettis Erzählung „Der Oger““, Text und Kritik 156, Veza Canetti, X/02

[7] Veza Canetti, Die Gelbe Straße, Carl Hanser Verlag 1989. S.64.

[8] Die Fackel, Nr 88, Anfang Dezember 1901, zitiert nach: Ritchie Robinson, „Zu Veza Canettis Erzählung „Der Oger““, Text und Kritik 156, Veza Canetti, X/02

[9] Elias Canetti an Hermann Kesten, 4.2.1963, zitiert nach: Angelika Scheidel, „Ein Beitrag zu Veza Canettis Jahren im Londoner Exil“, Text und Kritik 156, Veza Canetti, X/02